Mein Beitrag am 2. Juli 2017 in Backnang:

Liebe Anwesende, liebe Europäer,

Geschichte ist dazu da aus ihr zu lernen. Wir stehen hier in Backnang. Und wir stehen mitten in der europäischen Geschichte, auch wenn sie auf den ersten Blick wie lokale Geschichte aussieht. Hier an dieser Stelle verlief einmal die Grenze zwischen Franken und Alemannen. Interessiert heute keinen mehr oder. Hier in dieser Stadt haben sich wichtige Zeitlinien geschnitten. Selbst Baden-Württemberg hat hier seine Wurzeln: Bis 1268 war die Grablege der Markgrafen von Baden in Backnang. Denen gehörte auch Stutengarten, heute als Stuttgart bekannt, damals badische-gräfliches Pferdezuchtgelände, heute Landeshauptstadt, Heimat der Pferdestärken  und Feinstaubhauptstadt. Limes, Marschtritte, Kriegsgeschrei, Kanonendonner, dröhnende Panzer, Tiefflieger hatten wir alles schon, manches ist noch gar nicht solange her.

62 Jahre, heutzutage nicht mal ein Menschenleben, wenn’s gut läuft für den Menschen. Mit 66 Jahren fängt ja bekanntlich das Leben an.

Heute glaubt keiner mehr, dass morgen wieder Panzer vor der Tür stehen könnten. Warum ist das so? Weil die Menschen aus ihren Fehlern gelernt haben. Nie war Europa so friedlich wie heute. Und das sage ich, obwohl wir immer noch Kanonendonner aus der Ukraine hören können. Und obwohl religiöse Fanatiker und Verbrecher unter dem Deckmantel der Religion gleichermaßen zum Mittel des Terrors greifen.

Es gibt aber eine viel größere Gefahr: Das ist die Gefahr des Vergessens. Wenn’s dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis, sagt der Volksmund. Deswegen stehen wir hier. Deswegen müssen wir zusammenstehen und deswegen müssen wir sorgen, dass wir nicht vergessen. Wir dürfen uns nicht aufs Glatteis führen lassen, von Menschen, die gerne Heil versprechen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es der europäische Gedanke ist, der uns eint und der die Trümmer wegfegt und die Wunden geheilt hat, die uns der letzte Heilsbringer gebracht hat. Dieser europäische Gedanke aber ist ganz einfach auf den Punkt zu bringen: Jeder hat das Recht auf seine Eigenheiten, aber nur zusammen sind wir stark. Aus Frankreich kommt der Spruch „Einer für alle und alle für Einen“ – genau, das ist das Motto der Vier Musketiere. Aber es ist auch das Erfolgsrezept eines funktionierenden Europa.

Sie sehen, es ist gar nicht so schwer, den Gedanken in Worte zu fassen, der uns 62 Jahre Frieden und einen noch nie dagewesenen Wohlstand beschert hat. Jetzt müssen wir ihm nur noch Taten folgen lassen. Wir sind Europa und wir lassen uns das nicht durch Spinner und Fanatiker kaputt machen. Weisen wir ihnen die Tür aus unseren Parlamenten. Zeigen wir ihnen, dass ein liberales, freiheitliches Europa auch ein starkes Europa sein kann. Und machen wir das Motto der Musketiere zu unserem. Vielleicht mit dieser kleinen Abwandlung: „Europa für alle und alle für Europa“.

Danke, dass Sie heute gekommen sind.